Hainburg20 ÖKOWEB
Hainburg-Story


Was war los in jenen Dezembertagen des Jahres 1984, als über 7.000 Frauen und Männer die Vorweihnachtszeit in einem Auwald bei Schnee, Eis und Kälte verbrachten? Und auch noch das Risiko auf sich nahmen, von 2.000 Polizisten mit Knüppeln aus ihren Zelten und Lagern unter knallharten Bedingungen wieder vertrieben zu werden?

 Pioniere
 
 Die Fronten formieren sich
 
 Es könnte eine Besetzung werden...
 
 Die Eskalation
 
 Epilog

Vor 1984 war – von Zwentendorf einmal abgesehen – Umweltschutz in Österreich noch kein sehr dominantes Thema. Natur war eine unbegrenzte Ressource, aus der man je nach Bedarf etwas herausnahm und ggf. den Müll wieder hineinwarf (Mülltrennung gab es natürlich 1984 noch nicht!). Die Donau mit ihren wundervollen Augebieten wurde in den Nachkriegsjahren mit immer mehr Wasserkraftwerken bestückt, denen Jahr für Jahr der Auwald weichen musste. Unbemerkt von der Öffentlichkeit waren bis 1984 plötzlich 80 Prozent des vielbesungenen österreichischen Donaustromes kanalisiert und mit Staustufen und Kraftwerken versehen.

Der letzte Rest Au von Wien über die Lobau bis zur slowakischen Grenze sollte nun ebenfalls den Kraftwerken weichen. Geplant war das schon seit 1952. Wenn aber etwas das Letzte seiner Art ist, entdeckt man oft erst seinen hohen Wert! Ein Thema der breiten Öffentlichkeit war das freilich trotzdem noch nicht. Die meisten ÖsterreicherInnen wussten weder um den Wert dieser weltweit einmaligen Aulandschaft, noch um die Pläne für ein Kraftwerk. Auch das Wort "Ökosystem" war noch ein Fremdwort. Mit der Auseinadersetzung um die "Hainburger Au", mit den Debatten um dieses einmalige "Ökosystem" und "Biotop", machten auch diese inzwischen geläufigen Worte erstmals in Österreich Schlagzeilen.


Pioniere

Bürgerinitiativen und regionale Umweltaktivisten (wer kennt heute noch Namen wie Silvia Leitgeb, eine Leopoldsdorfer Rauchfangkehrermeisterin, die Ärztin Dr. Frederike Pesaro, und Robert List, ohne die die Bewegung nie ins Rollen gekommen wäre), machten auf die Einmaligkeit "ihrer Au" schon länger aufmerksam und warnten vor einem alles zerstörenden Kraftwerksbau. Unterschriftensammlungen und Appelle an die Wissenschaft standen ganz am Anfang. Erst langsam wurde auch die Wissenschaft (mit Hilfe von Vorreitern wie u.a. Bernd Lötsch oder Gerald Navara) auf die Au und den in ihr liegenden Naturschatz aufmerksam.

Der WWF (World Wildlife Fund, heute: World Wide Fund for Nature) begann 1982 ein mit 80.000 Schweizer Franken dotiertes Projekt zur Rettung der Auwälder im Osten von Wien, Karl Wagner und Gerald Navara organisierten Gespräche mit der "Kronen Zeitung", erste "runde Tische" der verschieden kleinen Initiativen trafen sich schließlich im Wiener Cafe Votiv.


Die Fronten formieren sich

Die Interessen für ein Kraftwerk lagen auf der Hand: E-Wirtschaft, Elektro- und Bauindustrie, sowie Gewerkschaft wollten bauen, Arbeitsplätze sichern und Ihre Maschinen auslasten. An sich nichts Verwerfliches - würde nicht dabei auf die Natur vergessen! Nun ging es plötzlich um das letzte Stück unberührter Donau-Auen.

Im Juli 1983 wird die "Aktionsgemeinschaft gegen das Kraftwerk Hainburg" aus der Taufe gehoben, bestehend aus etwa 20 einzelnen Natuschutzgruppen und Bürgerinitiativen. Ab Herbst 1983 kommt es zu wöchentliche Treffen und "runden Tischen" im Wiener Cafe Votiv.

Viele Träger des öffentlichen Lebens aus allen Lagern, aber auch Künstler und Schriftsteller waren bereit, gegen das Kraftwerk zu opponieren und für den letzten Rest der Donauauen einzutreten, so Günther Nenning (SPÖ), Freda-Meissner-Blau (damals noch SPÖ), Friedenreich Hundertwasser, Peter Turrini, Arik Brauer u.v.m. Das Umweltbewusstsein erwachte und nahm nun auch künstlerische und poetische Formen an. "Bruder Baum" wurde zum Schlagwort. Ein überparteiliches Personenkomitee wurde geschaffen, für dessen Spitze der (damals) bekannteste und angesehne Nobelpreisträger Konrad Lorenz gewonnen werden konnte. Das "Konrad-Lorenz-Volksbegehren" gegen das Kraftwerk und für mehr Umweltschutz im allgemeinen wurde geboren.

Doch nach Meinung vieler Umweltschützer sollte das Kraftwerksprojekt offenbar ohne Diskussion "durchgezogen" werden. Viele Bescheide schienen fragwürdig und waren umstritten – damit war das zweite Motiv, welches eine demokratiepolitisch erwachende Bevölkerung zur Empörung und letztlich in die winterliche Au zur Besetzung trieb, geboren. (Wenn heute Diskussionen, Umweltverträglichkeitsprüfungen und Anhörungen Beteiligter bei Großprojekten halbwegs selbstverständlich sind, so ist das ein spätes Verdienst von "Hainburg".)

Wer nicht die Macht hat, muss also erfinderisch sein: Die "Pressekonferenz der Tiere" am 7.Mai 1984 im Presseclub Concordia, mit viel Medienecho und Poesie inszeniert, schaffte den Sprung ins Bewusstsein der Bevölkerung. Günther Nenning als "roter Auhirsch" verkleidet, der Wiener Stadtrat Jörg Mauthe als Schwarzstorch, der Chef der FPÖ-Jugend und heutige Vizekanzler Hubert Gorbarch als Blaukehlchen, Peter Turrini als Rotbauchunke, Othmar Karas als Kormoran. Nach der Vorstellung des Konrad-Lorenz-Volksbegehrens im Presseclub Concordia ging die "illustre Tiergesellschaft", von Blasmusik begleitet, über den Wiener Stephansplatz. Offizielles Motto: "Hainburg muss gerettet sein, darauf trink ma jetzt a Glaserl Wein".


"Es könnte eine Besetzung werden...."

Trotz alldem erließ der NÖ-Umwelt-Landesrat Brezovsky, unter umstrittenen Bedingungen (sein Kraftwerk-kritischer Hofrat für Naturschutz-Angelegenheiten wurde kurzerhand kaltgestellt), einen Bescheid zugunsten des Kraftwerkbaus. Dies empörte, nicht nur, "weil das Kraftwerk jetzt gebaut wird", sondern auch wegen der Vorgangsweise. An den runden Tischen der Kraftwerksgegner fällt immer öfter der Satz "es könnte eine Besetzung werden..." Noch sind nicht alle einverstanden.

Am 8. Dezember organisiert das "Konrad-Lorenz-Volksbegehren" einen Sternmarsch in die winterliche Au. Auf einer Kundgebung auf der sogenannten "Brückelwiese" mit 8.000 Menschen wird schließlich zum "gewaltfreien Widerstand" aufgerufen. Einige Aktivisten bleiben in der Au...

Im Morgengrauen des 10. Dezember rollen schließlich die ersten Bagger. Alle Bescheide sind da, jetzt soll gerodet und gebaut werden. Doch Naturschützer und Aktivisten boykottieren den Rodungsversuch. Wieder übernachten einige in der Au...

Am 12. Dezember finden Verhandlungen zwischen Proponenten des Konrad-Lorenz-Volksbegehren und der Regierung statt, bis 17. Dezember, so das Ergebnis der 13-stündigen Verhandlung, soll vorerst nicht gerodet werden. Bis dahin sollen die Besetzer freilich weg sein. Doch sie bleiben.


"Ziviler Ungehorsam...."

Kaum waren die ersten Umweltschützer von der Polizei vertrieben worden, kamen umso mehr Naturschützer in die winterliche Au bei Hainburg zurück. Waren es Anfangs an die 200 bis 300 Verwegene, die trotz Kälte, Schnee und Polizei in der Au ausharrten um "die Bäume zu bewachen" (einige ketteten sich an), wurden es mit jeder polizeilichen Räumung und mit jedem Rodungsversuch mehr.

Schließlich bekommt die Sache Eigendynamik. Immer mehr Menschen drängen in die Au. Die Österreichische Hochschülerschaft springt organisatorisch auf den Zug auf, Shuttle-Dienste mit Bussen werden eingerichtet, Schlafsäcke, Decken und Zelte zur Verfügung gestellt. Das Ausmaß der ständig in die winterliche Stopfenreuther Au strömenden Menschenmassen überrascht selbst die Organisatoren, noch mehr die Politiker. Viele Menschen sind zum ersten Mal in ihrem Leben mit Schlafsäcken in der winterlichen, freien Natur!

Bald campieren und zelten mehr als 3.500 Menschen in der Stopfenreuther Au. Es gibt nun sechs Lager und eine gut organisierte Logistik für Transport, Nahrung und Decken. Von den Behörden hingegen wird das Augebiet zur "Baustelle" erklärt. Den Naturschützern werden Geldstrafen und sogar Arrest wegen "widerrechtlichen Betretens der Baustelle" angedroht. Die Zahl der Besetzer steigt trotzdem weiter. Immer wieder kommt es zu Rodungsversuchen und Räumungen, die Besetzer werden von der Regierung als "Extremisten" bezeichnet.

Doch je mehr die Regierung schimpft und droht, desto mehr Besetzer kommen. Auch die Prominenten (und mit ihnen die Medien) zieht es schließlich in die Au. Nenning, Meissner-Blau, Andre Heller, selbst der alte und kranke Jörg Mauthe kampieren oder übernachten im Auwald. Die heimische Hainburger Bevölkerung unterstützt die Aubesetzer mit Decken und Nahrungsmitteln.

Vor Ablauf des Ultimatums steigt der Zustrom noch einmal an. Der "Geist von Hainburg ruft", und alle kommen. Die Gewerkschaft Bau-Holz hingegen droht, Aufmärsche der Arbeiter gegen die Naturschützer zu organisieren, Eskalationen schlimmsten Ausmaßes werden befürchtet... Schließlich kann die Regierung die Gewerkschaft von ihrem Ansinnen abbringen, dafür wird sie aber selber aktiv. Am 18. Dezember lautet jetzt die Parole unmissverständlich "Die Au wird geräumt"! Gleichzeitig wird der Auwald zum Sperrgebiet erklärt.


Die Eskalation

In den Morgenstunden des 19. Dezember kommt es zur Eskalation: Neben der örtlichen Gendarmerie rücken Polizeieinheiten aus Wien in die Au ein. Insgesamt 2.000 Polizisten gehen nun auf teilweise äußerst brutale Weise mit Knüppeln, Wasserwerfern und Hunden gegen die Naturschützer vor, zu rodende Waldgebiete werden mit Stacheldrahtrollen gesichert. Demonstranten erhalten Schläge oder werden gegen Baumstämme geworfen, dutzende Naturschützer werden verletzt. In den mit Stacheldrahtrollen abgesperrten Waldstücken laufen die Motorsägen auf Hochtouren, die ersten Bäume fallen krachend zu Boden!
Viele Menschen versuchen durch passiven Widerstand, den Rodungen Einhalt zu gebieten (manche ketten sich vor laufenden Motorsägen an die Bäume), andere weinen nur. Die Einsatzkräfte gehen weiterhin mit allen Mitteln gegen die Naturschützer vor...

Nun erreichen die Wogen auch Wien: Aus Protest gegen die brutale Räumung protestieren am Abend des selben Tages (je nach Schätzung) 20.000 bis 40.000 Menschen aller Lager und Altersschichten auf der Wiener Ringstraße. Schließlich landen Bilder von der brutalen Räumungsaktion in den Tageszeitungen. Die "Neue Kronen Zeitung" titelt auf Seite eins mit der Schlagzeile "Die Schande von Hainburg", die Bildberichte schockieren die ganze Nation. Für die Medien gibt es nur mehr ein Thema: "Der Krieg in der Au" (so der Titel eines profil-Sonderheftes).

Auch in den Bundesländern kommt es inzwischen zu Demonstrationen. Und noch immer sind Tausende in der Au – trotz Polizeieinsatz. Am 21. Dezember soll ein noch größerer Polizeieinsatz bevorstehen, viele Menschen und Prominente fahren in die Au zurück. Doch im letzten Moment siegt die Vernunft! Die Bundesregierung zieht die Notbremse, die Polizei wird zurückbeordert, die Rodungen gestoppt. Drei Tage vor Weihnachten verkündet Bundeskanzler Fred Sinowatz in den Medien den berühmten "Weihnachtsfrieden" von Hainburg. Nachdenkpause!


Epilog: Der Lange Weg zum Nationalpark

Viele Menschen blieben auch trotz der "Nachdenkpause" über die kalten Weihnachtsfeiertage in der Au. Im Januar hob der Verwaltungsgerichtshof infolge einer Beschwerde der Umweltschützer den Wasserrechtsbescheid für das Kraftwerk auf, womit das Projekt die rechtliche Grundlage verlor. Auch de facto war das Kraftwerksprojekt gestorben.

In den darauffolgenden Monaten wurden freilich noch mehrere andere Varianten für ein Kraftwerk östlich von Wien diskutiert. Das "Konrad-Lorenz-Volksbegehren" (4.-11. 3. 1985) brachte 353.900 Unterschriften.

Der WWF kaufte mit Unterstützung einer ORF-Aktion von der ebenfalls gefährdeten Regelsbrunner Au ein Stück "Natur frei". Erst 1996 trat das niederösterreichische Nationalparkgesetz in Kraft, kurz darauf das Wiener Nationalparkgesetz. 1997 wurde der Nationalpark March-Donau-Auen endlich Wirklichkeit.

 
 
 
ÖH - Österreichische HochschülerInnenschaft
Lebensministerium
Land Niederösterreich
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Nationalpark Donau-Auen
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Aufruf

Die österreichische Umweltbewegung sagt Dank an die über 10.000 BesetzerInnen
der Hainburger-Au von 1984
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Global2000 Virus ARGE Agenda X ALLIANCE FOR NATURE
Ökobüro Umwelt Dachverband Naturschutzbund Klimabündnis Vier Pfoten
Naturfreunde Österreich Verein gegen Tierfabriken OÖ Plattform gegen Atomgefahr ARGE Müllvermeidung Plage Salzburg
Forum Umweltbildung
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